V

1870
1993

Soziale Statistik

Erläuterungsbedürftig ist nicht nur die Mehrzahl der Tabellen dieses Kapitels, sondern auch dessen Überschrift. Der Begriff «Soziale Statistik» wird für gewöhnlich weiter gefasst, als wir dies im folgenden tun; in dem vom Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) 1973 herausgegebenen «Handbuch der schweizerischen Sozialstatistik» beispielsweise schliesst er unter anderem Faktor- und Güterpreise, Wohnbautätigkeit, Arbeitslosigkeit und ausländische Arbeitskräfte mit ein. Diese Themen werden in der «Historischen Statistik der Schweiz» aus guten Gründen in separaten Kapiteln abgehandelt. Andererseits enthält das vorliegende Kapitel einige Tabellen, die das BIGA anscheinend nicht zur «Sozialen Statistik» rechnet: Angaben über das Armenwesen der Kantone, die ausserhalb der Schweiz errichteten Asylheime für in Not geratene Landsleute, die Finanzen der schweizerischen Hilfswerke, die Flüchtlingswellen während und nach dem Zweiten Weltkrieg und den Mitgliederbestand der Gewerkschaften. Tatsächlich erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen dem erwähnten «Handbuch der schweizerischen Sozialstatistik» und dem vorliegenden Kapitel der «Historischen Statistik» in einem Überblick über die vom BIGA erstellte Statistik der kollektiven Arbeitsstreitigkeiten – was kurios anmutet, aber wenigstens den Vorteil hat, dass sich die beiden Publikationen komplementär zueinander verwenden lassen.

Armenwesen der Kantone 1870, 1890, 1912, 1945, 1950 und 1955

Die Statistik des Armenwesens, die auf kantonaler und kommunaler Ebene weit ins 19. Jahrhundert zurück reicht, konnte von uns nur rudimentär aufgearbeitet werden, so dass es vorderhand bei einem Überblick über die Hauptresultate der kantonalen Armenstatistiken der Jahre 1870, 1890 und 1912 und der kantonalen Armenpflege in den Jahren 1945–1955 bleibt. Angemerkt werden muss, dass der vom Statistischen Bureau des Eidgenössischen Departements des Innern herausgegebene Band, in dem die Ergebnisse der Zählung von 1890 abgedruckt sind, in einer vergleichenden Tabelle auch über die Hauptresultate der Erhebung von 1870 orientiert. Diese Angaben sind von uns für glaubwürdiger befunden worden als diejenigen im Jahrgang 1877 der «Zeitschrift für schweizerische Statistik», wo man auf völlig andere Zahlen stösst.

Emigranten, Zivilflüchtlinge, ausländische Militärpersonen und Flüchtlingshilfe in den Jahren 1939–1947

Die überraschend präzisen Angaben, die das Statistische Jahrbuch über den Bestand der Emigranten, der Zivilflüchtlinge, der Deserteure und der hospitalisierten und internierten ausländischen Militärpersonen in den Jahren 1939–1947 macht, sind von uns vollumfänglich in die vorliegende Publikation integriert worden. Allerdings muss betont werden, dass man es hier mit Schätzungen zu tun hat, die zumindest im Fall der Zivilflüchtlinge wohl um einiges zu tief angesetzt sind. Dasselbe gilt für die Monatsstatistiken der Polizeiabteilung über die zwischen August 1942 und Mai 1945 an der Landesgrenze zurückgewiesenen Flüchtlinge, die Carl Ludwig in seinen 1957 zuhanden von Bundesrat und Parlament verfassten Bericht über die schweizerische Flüchtlingspolitik der vorangegangenen zwei Jahrzehnte aufgenommen hat.
Was aus den Übersichten im Statistischen Jahrbuch nicht hervorgeht, ist die Tatsache, dass es sich bei den Emigranten und Zivilflüchtlingen, die zwischen 1933 und 1945 in der Schweiz Aufnahme fanden, in erster Linie um verfolgte Juden handelte. Deren genaue Zahl dürfte retrospektiv nicht mehr festzustellen sein. Bekannt ist immerhin, dass beim Verband schweizerischer jüdischer Flüchtlingshilfen im Jahr 1944 rund 23’000 jüdische Flüchtlinge registriert waren, von denen 11’000 ganz oder teilweise unterstützt wurden. 1945 betreute derselbe Verband 3058 Emigranten und 20’209 Flüchtlinge; daneben organisierte er noch 9873 Aus- und Weiterreisen. Genaue Angaben über die Destinationen der in den Jahren 1933–1952 mit Hilfe dieses Flüchtlingsverbandes realisierten Emigrationen finden sich in einem Aufsatz Otto H. Heims aus dem Jahr 1954. Vom gleichen Autor stammt eine Schätzung über die Aufwendungen für die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz im Total der Jahre 1933–1952. Diese Übersicht ist von uns kompiliert worden, stellt sie doch eine nicht uninteressante Ergänzung zu der im Anhang zum «Bericht Ludwig» abgedruckten Ausgabentabelle dar, die keinen Aufschluss über die durch jüdische Institutionen und Privatpersonen geleistete Flüchtlingshilfe gibt.
Die über 400 Seiten starke Dokumentation der von Ludwig betriebenen Nachforschungen diente Alfred A. Häsler 1967 als Grundlage für sein bekanntes Buch «Das Boot ist voll», einen aufrüttelnden Rapport über die der Abwehr alles Fremden verpflichtete Asylpolitik der schweizerischen Behörden und die schwierige Lage der jüdischen Flüchtlinge und der schweizerischen Juden in dem von den Achsenmächten eingekreisten neutralen Kleinstaat. Vor kurzem hat der Berner Historiker Jacques Picard diesem Gegenstand eine tiefschürfende Darstellung gewidmet, in der auch die geistigen Hintergründe und die politischen und institutionellen Seiten der Flüchtlingsproblematik in den Jahren 1933–1945 ausführlich zur Sprache kommen. Eine umfassende Analyse der vielfältigen demographischen Fluchtbewegungen, in welche die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges direkt oder indirekt verwikkelt war, steht indessen noch immer aus. Dass eine solche Studie im Prinzip möglich sein sollte, erhellt aus den Zahlen, die Franco Battel in seiner Lizentiatsarbeit über die Flüchtlinge im Kanton Schaffhausen zwischen 1933 und 1945 vorlegt.

Flüchtlinge und Asylgesuche seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges

Mit Ausnahme einer in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» abgedruckten Statistik des BIGA über die im August 1957 in den Kantonen gezählten Ungarnflüchtlinge macht die von uns konsultierte amtliche Literatur keine Angaben über die in den 1950er, 60er und 70er Jahren in die Schweiz eingereisten Flüchtlinge. Ob allenfalls das Bundesarchiv in Bern noch Statistiken über den Flüchtlingsstrom aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1968–1970 aufbewahrt, wäre abzuklären. Jährliche Zahlen zum Flüchtlingsbestand werden in der Schweiz jedenfalls erst seit 1982 veröffentlicht. Wir geben sie auszugsweise wieder, indem wir für die Jahre 1982 und 1991 einen nach den Herkunftsländern der Flüchtlinge gegliederten Querschnitt durch die Kantone präsentieren.
Vom Bundesamt für Flüchtlinge ist uns freundlicherweise eine bis ins Jahr 1964 zurück reichende Übersicht über erledigte und hängige Asylgesuche und eine nach Heimatstaaten gegliederte Tabelle über die Zahl der Asylgesuchsteller seit 1970 zugesandt worden.

Schweizerische Hilfsgenossenschaften und schweizerische Asyle im Ausland 1898 und 1912

Die Jahrgänge 1899–1913 des Statistischen Jahrbuchs der Schweiz enthalten Angaben zur finanziellen Lage und teilweise auch zur Frequentierung der schweizerischen und von den Schweizer Behörden unterstützten Hilfsgenossenschaften und Asyle im Ausland. Das reichhaltige Zahlenmaterial ermöglichte uns die Erstellung eines nach Anstalten gegliederten Überblicks für die beiden «Eckjahre» 1898 und 1912. In reduziertem Umfang ist die Statistik auch nach 1912 noch einige Zeit weitergeführt worden. Ab 1917 wurde dann jedoch im Statistischen Jahrbuch der Ausdruck «Asyl» zur Kennzeichnung einer ganz anderen Kategorie von Anstalten verwendet: Statt auf die schweizerischen Hilfsgesellschaften und Asyle im Ausland beziehen sich die Angaben nunmehr auf die in der Schweiz errichteten Blindenheime, Taubstummenanstalten und «Irrenhäuser».

Hilfswerke, Stiftungen, Spenden und Bundeshilfe für Auslandschweizer 1912–1986

Gegen Ende der Zwischenkriegszeit wurde die amtliche Statistik um einige Tabellen erweitert, die über die Finanzen schweizerischer Hilfswerke, über private Spendengelder und über die vom Bund geleistete Hilfe für Auslandschweizer, alleinstehende Frauen und Hilfsgesellschaften im Ausland unterrichten. Diese Tabellen enthalten auch Zahlen für frühere Jahrzehnte, bei denen es sich freilich meist um drei oder fünf Jahre zusammenfassende Mittelwerte handelt. In solchen Fällen haben wir es jeweils vorgezogen, auch für die späteren Jahrzehnte (für die Jahresstatistiken an sich vorliegen) Mittelwerte auszuweisen.

Auslandhilfe 1945–1993

Sieht man von den Hilfsaktionen für die aus Nazideutschland vertriebenen Emigranten und Flüchtlinge ab, setzt die organisierte Auslandhilfe in der Schweiz erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Unseren Übersichten zur Schweizerspende für das europäische Ausland in den Jahren 1945–1948 und zur Auslandhilfe der Jahre 1948–1960 – die bis 1956 ausschliesslich dem kriegsversehrten europäischen Kontinent zugute gekommen ist – liegen dem Statistischen Jahrbuch der Schweiz entnommene amtliche Angaben zugrunde. Die gesamte, einerseits von Bund, Kantonen und Gemeinden und andererseits von der Privatwirtschaft und privaten Hilfswerken getragene Auslandhilfe ist seit 1961 dokumentiert. Anhand der von der Direktion für Entwicklungshilfe des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (DEH) zusammengestellten Jahresübersichten haben sich die im Statistischen Jahrbuch der Schweiz abgedruckten Zahlenreihen, die den Zeitraum 1961–1985 abdecken, bis 1992 verlängern lassen. Ausserdem haben wir die um Computerausdrucke ergänzten Jahresberichte des DEH für die Anfertigung einer Tabelle verwenden können, die über die wichtigsten Empfängerländer der bilateralen Entwicklungshilfe der Schweiz in den Jahren 1980–1993 Auskunft erteilt.

Mitgliederbestand der Gewerkschaften 1881–1990

1880 wurde die auch heute noch grösste Dachorganisation der schweizerischen Arbeitnehmerverbände, der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), gegründet. Die Gesamtzahl der Mitglieder der dem SGB angeschlossenen Verbände ist von Balthasar, Gruner und Hirter für die Jahre 1881–1913 geschätzt worden. Bei dieser Schätzung ist zu beachten, dass sich die Zahlen auf den Jahresbeginn beziehen, während die 1905 einsetzende Statistik des Gewerkschaftsbundes den Bestand am Jahresende wiedergibt. Für den Zeitraum 1881–1913 haben Balthasar, Gruner und Hirter auch die Gesamtzahl der Mitglieder der übrigen Gewerkschaften zu rekonstruieren vermocht. Mithin verfügen wir für die drei letzten Vorweltkriegsjahrzehnte über eine Schätzreihe des Gesamtbestandes der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in der Schweiz. Leider bricht diese Schätzung 1913 definitiv ab; die Gesamtzahl der Mitglieder der nicht dem SGB angeschlossenen Verbände scheint für die nachfolgenden Jahre und Jahrzehnte nicht mehr rekonstruierbar zu sein. (Für die Jahre 1907–1914 haben Balthasar, Gruner und Hirter auch den Bestand des damals zweitgrössten gewerkschaftlichen Dachverbandes der Schweiz, des Christlich-Sozialen Gewerkschaftsbundes, ermittelt. Wir haben darauf verzichtet, diese kurze Reihe in die vorliegende Publikation aufzunehmen.)
Die amtliche Statistik setzt im Jahr 1921 ein. Sie informiert über den Mitgliederbestand des SGB, des Christlich-Sozialen (seit 1921: Christlich-Nationalen) Gewerkschaftsbundes, der Vereinigung Schweizerischer Angestelltenverbände und diverser autonomer Gewerkschaften. Beim SGB und der Vereinigung Schweizerischer Angestelltenverbände weist die amtliche Statistik bereits in den frühen 1920er Jahren auch die Mitgliederzahlen der grösseren Verbände aus.
Die Mitgliederstatistik des SGB lässt sich auf Verbandsebene sogar noch weiter zurück verfolgen, nämlich bis zum Jahr 1905. 1917 ist diese Statistik massiv ausgebaut worden, indem der Monatsschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, der «Gewerkschaftlichen Rundschau für die Schweiz», jeweils am Jahresende ein halbes Dutzend Seiten angefügt wurden, auf denen der Mitgliederbestand der einzelnen Verbände des SGB in sämtlichen Gemeinden der Schweiz festgehalten ist. Wir haben diese Angaben so ausgewertet, dass sich für die Jahre 1921, 1929, 1937, 1945, 1953 und 1961 eine nach Verbänden, Kantonen und Städten gegliederte Übersicht über den Mitgliederbestand des SGB ergeben hat.
Dass die Summe der Mitglieder all jener Gewerkschaften, die zu irgend einem Zeitpunkt einem Dachverband angeschlossen waren, die Mitgliederzahl des jeweiligen Dachverbandes in einigen Jahren bei weitem übersteigt, dürfte damit zusammenhängen, dass die Anzahl der den Dachverbänden angeschlossenen Gewerkschaften von Jahr zu Jahr variieren konnte. Zu einer Häufung von Eintritten und Austritten muss es insbesondere beim Christlich-Nationalen Gewerkschaftsbund und bei der Vereinigung Schweizerischer Angestelltenverbände in der Zeit zwischen 1920 und 1960 gekommen sein.
Die Literatur zur schweizerischen Gewerkschaftsbewegung ist umfangreich. Neben dem von Balthasar, Gruner und Hirter verfassten zweiten Band des dreibändigen Überblickswerks «Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880–1914» ist an dieser Stelle auf das die Entwicklung in den späten 1910er und in den 1920er Jahren schildernde Buch Bernhard Degens und auf das von Robert Fluder, Heinz Ruf, Walter Schöni und Martin Wicki verfasste umfangreiche Handbuch über die Gewerkschaften und Angestelltenverbände in der schweizerischen Privatwirtschaft hinzuweisen. Die letztgenannte Publikation, Frucht eines am Soziologischen Institut der Universität Zürich von Prof. Hans Geser und am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung von den Professoren Heidi Schelbert-Syfrig und Mark Hauser betreuten Nationalfondsprojekts, ist mit einem imposanten statistischen Anhang versehen worden, der nebst einer detaillierten Mitgliederstatistik der einzelnen Gewerkschaften auch eine vollständige, noch hinter das Gründungsjahr des SGB zurück reichende und auch die im öffentlichen Dienst beschäftigten Personen berücksichtigende Chronologie der Gründungen, Fusionen und Abspaltungen der schweizerischen Arbeitnehmerverbände enthält.

Kollektive Arbeitsstreitigkeiten 1880–1986

Die schweizerische Statistik der kollektiven Arbeitsstreitigkeiten lässt sich in drei Abschnitte unterteilen, die sich ein Stück weit überlappen.
Für die Jahre 1880–1914 halten wir uns an die Ergebnisse der umfassenden Recherchen Balthasars, Gruners und Hirters. Die Autoren schreiben, dass sie «jeden uns bekannt gewordenen Streik unabhängig von seiner Dauer oder der Anzahl der an ihm Beteiligten» erfasst haben. Zur Quantifizierung der zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern ausgetragenen Kollektivstreitigkeiten wurden Masszahlen herangezogen, die an diese Stelle einer kurzen Erläuterung bedürfen.
Als «Streik» wurden Kämpfe mit Arbeitsunterbrechungen von in der Regel mindestens zwei Stunden definiert. Bummelstreiks, Sabotagen und Kaufboykotte blieben ausgeklammert, Generalstreiks wurden separat erfasst. Von den Unternehmern veranlasste Aussperrungen sind dagegen in der Streikstatistik enthalten. Da sich der Anteil der reinen Aussperrungen (Aussperrungen, die seitens der Arbeitnehmer nicht mit einem Streik beantwortet wurden) auf weniger als fünf Prozent der Arbeitskämpfe belief, wird die «wahre» Streikkurve durch den Einbezug der Aussperrungen in die Streikstatistik nur geringfügig verzerrt.
Unter der statistischen Grösse «Anzahl Streikende» bzw. «Beteiligte» verstehen die Autoren «die Höchstzahl der zu irgend einem Zeitpunkt am Kampf Beteiligten», und mit «Streikvolumen» umschreiben sie «das Produkt der Faktoren Höchstzahl der Streikenden und Streikdauer in Werktagen». Bei der Konstruktion dieses Indikators, der nicht mit der vom SGB und später auch vom BIGA favorisierten Grösse der «Streiktage» bzw. «verlorenen Arbeitstage» identisch ist, wurden angebrochene Tage als volle gezählt, Streiks, die nur einige Stunden dauerten, als ganztägige eingesetzt und das Streikvolumen mehrtägiger Streikaktionen auch dann gemäss obiger Definition ermittelt, wenn sich herausstellte, dass einer der Werktage in Wirklichkeit ein lokaler Feiertag gewesen war. Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie neben den Vorzügen auch die Nachteile der von ihnen gewählten Masszahlen diskutieren. Einer dieser Nachteile besteht darin, dass «die meisten ausländischen amtlichen Statistiken mit mehr oder weniger grossem Erfolg bemüht sind, die fluktuierenden Beteiligtenzahlen und die nicht auf Sonntage fallenden Feiertage zu berücksichtigen», was bedeutet, dass das schweizerische Streikvolumen in den Jahren 1880–1914 durch die von Balthasar, Gruner und Hirter gewählte Vorgehensweise leicht überschätzt worden sein könnte.
Als «Generalstreik» schliesslich bezeichnen die Autoren einen Arbeitskampf dann, wenn dieser sich «über alle Betriebe eines mehr oder weniger präzise bestimmten geographischen Raumes erstreckt. Dabei ist es nicht erforderlich, und in der Realität auch praktisch unmöglich, dass jeder einzelne Betrieb bestreikt wird».
Der mittlere der drei Zeitabschnitte, in die wir die schweizerische Statistik der kollektiven Arbeitsstreitigkeiten unterteilt haben, deckt den Zeitraum 1906–1930 ab und ist der mit Abstand konfliktreichste. In den Jahrgängen 1911–1931 der Monatsschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes finden sich eine Vielzahl von «Lohnbewegungs»- Tabellen, die beredtes Zeugnis von der Intensität der Auseinandersetzungen ablegen. Zu einem Teil sind die in der «Gewerkschaftlichen Rundschau» publizierten Zahlen vom Statistischen Jahrbuch übernommen worden; eine den historischen Kontext mit einbeziehende Auswertung dieser wohl unvollständigen, nichtsdestoweniger aber höchst aufschlussreichen Statistik ist aber bislang noch nicht erfolgt. Balthasar, Gruner und Hirter, welche die vom Schweizerischen Arbeitersekretariat für die Jahre 1880–1894 ausgewiesenen Streikzahlen im Zuge ihrer Neuerhebung deutlich nach oben korrigiert haben, lassen offen, «ob mit dem gleichen Vorgehen nicht auch die Zahlen (insbesondere) zwischen 1917 und 1920 höher ausfallen würden». Da der SGB bei seinen Erhebungen mit anderen Begriffskategorien operiert hat, als es Balthasar, Gruner und Hirter tun, erstaunt es nicht, dass die Angaben der beiden Quellen für die Jahre 1911–1914 auseinanderklaffen. An der Statistik des SGB ist hauptsächlich zu bemängeln, dass sie die Arbeitskämpfe der nicht dem SGB angeschlossenen Gewerkschaften ignoriert.
Doch auch die 1927 einsetzende Streikstatistik des BIGA ist nicht frei von Mängeln. Da keine Meldepflicht bestand, musste die Statistik auf der Grundlage von Zeitungsberichten zusammengestellt werden. Streiks, die weniger als einen Tag dauerten, blieben auf diese Weise unberücksichtigt. Weil die in der «Gewerkschaftlichen Rundschau» veröffentlichte Statistik des SGB nach 1946 nicht mehr fortgesetzt worden ist, stützen wir uns in unserer Darstellung der kollektiven Arbeitsstreitigkeiten in den Jahren 1927–1986 gleichwohl einseitig auf die Statistik des BIGA ab.

QUELLE: «Soziale Statistik» in Ritzmann/Siegenthaler, Historische Statistik der Schweiz, Zürich: Chronos, 1996, 987-993


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