J

1870
1995

Energiewirtschaft

Sieht man von den Arbeiten Wysslings und Gugerlis und den Angaben im Statistischen Jahrbuch der Schweiz ab, liegen unseren Tabellen in erster Linie die Publikationen des Bundesamts für Energiewirtschaft und des Schweizerischen Nationalkomitees der Weltenergiekonferenz zugrunde. Als Hauptquelle diente uns die 1987 veröffentlichte «Energiestatistik der Schweiz 1910–1985», die einen hervorragenden Überblick über die langfristige Entwicklung des schweizerischen Energiewesens bietet. Die Broschüre enthält nicht nur eine Vielzahl von aussagekräftigen Tabellen, sondern auch ein Literaturverzeichnis und einen einleitenden Kommentar, der offensichtlich an ein breiteres Publikum gerichtet ist. Um unseren an Energiedaten interessierten Leserinnen und Lesern eine Orientierungshilfe zu geben, zitieren wir nachfolgend einige längere Passagen aus diesem Text. Anzumerken bleibt noch, dass die meisten der von uns aus der «Energiestatistik der Schweiz 1910–1985» übernommenen und mit den Zahlen der Gesamtenergiestatistik von 1990 ergänzten Tabellen bis 1955, 1960, 1970 oder gar 1985 nur im Abstand von jeweils fünf Jahren einen Wert ausweisen. (In einem 1953 in der Schweizerischen Monatsschrift für Wasser- und Energiewirtschaft abgedruckten Bericht des Komitees für Energiefragen über die energiewirtschaftliche Bedeutung von Brennstoffimport und Brennstoffproduktion der Schweiz finden sich für den Zeitraum 1910–1952 auch Tabellen mit jährlichen Werten, doch sind diese nicht ohne weiteres vergleichbar mit den Angaben, die in der «Energiestatistik der Schweiz 1910–1985» gemacht werden.) Auf der anderen Seite hat uns die Auswertung der im Statistischen Jahrbuch der Schweiz veröffentlichten Statistiken zur Elektrizitätswirtschaft die Konstruktion von Zeitreihen ermöglicht, die zwar schon 1931 einsetzen, aber bereits in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wieder abbrechen.

Historisches

«Seit der industriellen Revolution im letzten Jahrhundert spielt die Energie eine immer wichtigere Rolle in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Beschaffung, Verteilung und Nutzung wurden zunehmend nicht mehr kleinräumig geregelt, sondern wuchsen zu einem komplexen System. Um die Entwicklung in eine sinnvolle Richtung zu lenken und in Notsituationen richtig reagieren zu können, ergab sich mit der Zeit der Bedarf nach gut aufgestellten Energiestatistiken. In der Schweiz haben solche Arbeiten relativ früh begonnen. Bereits 1928 wurde eine Statistik der Elektrizitätsproduktion über die vorhergehenden 40 Jahre aufgestellt.1 Ab Oktober 1930 übernahm das seinerzeitige Eidgenössische Amt für Elektrizitätswirtschaft, heute das Bundesamt für Energiewirtschaft (BEW), die Aufgabe, in Zusammenarbeit mit dem Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE) die Elektrizitätsstatistik auszudehnen und weiterzuführen. Über die anderen Energieträger führten Fachverbände sowie die Oberzolldirektion mehr oder weniger ausführliche Zusammenstellungen. Diese wurden aber nach sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten aufgestellt, so dass die erhobenen Daten sich nicht einfach zu einer Gesamtenergiestatistik zusammenfügen liessen. Anfangs der 50er Jahre fing das 1924 als einziges privates Bindeglied zwischen Verwaltung, Hochschulen, Berufs- und Fachverbänden und Wirtschaft gegründete Schweizerische Nationalkomitee der Weltenergiekonferenz (SNK-WEK) an, eine umfassende schweizerische Energiestatistik aufzubauen, wobei die Bearbeitung der Motor-Columbus AG (MC) übergeben wurde. Die erste Veröffentlichung erfolgte 1953 und erstreckte sich über den Zeitraum 1910 bis 1951.
Mit der Ölkrise in den Jahren 1973/74 zeigte sich das Bedürfnis, über die Energieversorgungsverhältnisse regelmässiger und ausführlicher orientiert zu werden. Das BEW wurde daher beauftragt, periodisch eine Energiestatistik aufzustellen und zu veröffentlichen. Im Jahr 1976 wurde als erstes ein Rückblick 1970–1975 herausgegeben, dem seither jährliche Veröffentlichungen folgten. Zur Erledigung dieser Aufgabe liess sich das BEW durch Vorarbeiten der OECD und der IEA sowie durch diejenigen des SNK-WEK leiten, wobei die Weiterführung des Nutzenergieanteils der Statistik dem SNK-WEK mit MC als Sacharbeiter überlassen wurde.»

Begriffe

«Die in dieser Zusammenstellung verwendeten Begriffe entsprechen generell den Empfehlungen der Weltenergiekonferenz, die kürzlich in überarbeiteter Form publiziert wurden.2 In einigen Fällen wurde allerdings auf die in der Schweiz – insbesondere in der Gesamtenergiestatistik – bis anhin üblichen Bezeichnungen zurückgegriffen, um die Vergleichbarkeit zu erleichtern.
Energie – die Fähigkeit eines Systems, äussere Wirkung herbeizuführen – kann in verschiedensten Erscheinungsformen vorliegen, wobei im folgenden nicht zwischen Energie und Energieträger unterschieden werden soll. Auch die statistische Erfassung des Energieflusses lässt sich auf viele Arten vornehmen. Eine erste Möglichkeit bietet die Kette der Umwandlungen vom natürlichen Vorkommen bis zur für den Konsumenten letztlich notwendigen Form. Hier unterscheidet man zwischen Primärenergie, Sekundärenergie und Nutzenergie. Eine zweite Möglichkeit der Systematisierung ergibt sich durch die Kontrollpunkte des Handels, welche Energiebilanzen mit über Schätzungen und Extrapolationen hinausgehender Genauigkeit überhaupt möglich machen. Hier trifft man die Begriffe Brutto- und Endenergie. In der Praxis werden die beiden Begriffsketten miteinander vermischt, und es hat sich auch eine Verschiebung der Gewichte hin zu den direkt messbaren Grössen ergeben. Unter Primärenergie versteht man Energie, die noch keiner Umwandlung unterworfen wurde, wie z. B. Wasserkraft, Kohle, Rohöl, Erdgas und Holz, aber auch Müll und Industrieabfälle. Die mit Hilfe der Kernenergie erzeugte Reaktorwärme wird ebenfalls als Primärenergie behandelt. Der Ausdruck Rohenergie wird im gleichen Sinn verwendet. Sekundärenergie erhält man durch Umwandlung aus Primärenergie (oder aus einer anderen Form von Sekundärenergie), wobei Umwandlungsverluste in Kauf genommen werden müssen. Beispiele sind Elektrizität, Stadtgas aus Kohle oder Erdölprodukten usw.
Nutzenergie steht dem Verbraucher in einer der von ihm letztlich benötigten vier Formen Licht, Wärme, mechanische Arbeit und chemisch gebundene Energie zur Verfügung. Sie kann sowohl aus Primärwie auch aus Sekundärenergieträgern hergestellt werden. Je nach Anwendungsgebiet und technischer Gestaltung der dafür verwendeten Apparate treten unterschiedliche Verluste auf. Als Beispiel für die Nutzenergie seien etwa das Warmwasser (nach Abzug der Verteilverluste bei einer zentralen Erwärmung), die für die Zubereitung einer Speise benötigte Wärme (inklusive Wärmeaufnahme des Kochgeschirrs), das Licht zur Beleuchtung eines Raumes oder die für die Überwindung von Rollund Luftwiderstand usw. eines Fahrzeuges benötigte mechanische Energie genannt. Der gelegentlich gebrauchte Ausdruck der Energiedienstleistung schränkt die Benutzung der vier Energieformen in gewissen Fällen noch mehr ein, z. B. auf das Licht direkt auf der Arbeitsfläche.
Bei einer nationalen Energiestatistik interessiert in erster Linie der gesamte Energieverbrauch innerhalb der Landesgrenzen, inklusive der innerhalb des Landes entstehenden Umwandlungsverluste. Dieser sogenannte Bruttoverbrauch setzt sich zusammen aus der inländisch gewonnenen Primärenergie, den Saldi des Aussenhandels der verschiedenen Energieträger (Primär- und Sekundärenergieträger) und der Lagerveränderungen. Unter Endenergie versteht man die Energie, die dem Verbraucher unmittelbar zur Erzeugung von Nutzenergie zur Verfügung gestellt wird. Meistens handelt es sich um Sekundärenergie, doch gibt es auch einige Anwendungen von Primärenergie, beispielsweise Holz. Der von der Weltenergiekonferenz parallel verwendete Begriff der Gebrauchsenergie ist möglicherweise treffender, doch hat er sich bis jetzt noch nicht durchsetzen können. Mit der Endenergie wird die letzte Stufe des Handels erfasst, und damit ergeben sich relativ genaue Werte. Schwierigkeiten bei der Festlegung des Endverbrauches ergeben sich nur bei Energieträgern, die beim Konsumenten nochmals gelagert werden können.
Zur Erfassung dieser Lager behilft man sich beim wichtigsten Fall, dem Heizöl, mit Umfragen. Energiestatistiken befassen sich nicht mit der Leistung – dem Energieverbrauch pro Zeiteinheit –, obwohl diese, vor allem bei netzgebundenen, aber auch bei anderen Energieträgern, einen wesentlichen Aspekt der Versorgung darstellt.3
In der nationalen Energiestatistik wird immer nur der primäre Energieeinsatzzweck betrachtet. Damit wird z. B. die bei der Lichterzeugung, beim Kochen oder beim Betrieb von Motoren innerhalb eines Gebäudes entstehende Wärme vernachlässigt, obwohl sie – als sogenannte freie Wärme – im Winter zur Raumheizung beiträgt und dabei mit steigender Qualität der Wärmedämmung immer wichtiger wird.
In nationalen Energiestatistiken finden auch die sogenannten nicht handelbaren Energien keine Berücksichtigung. Vor allem zu nennen ist hier die Sonnenenergie, insbesondere dann, wenn sie nicht durch spezielle Vorrichtungen (etwa Kollektoren oder photovoltaische Zellen) genutzt wird. Hier besteht ein klarer Unterschied zur möglichen Energiebilanz eines einzelnen Gebäudes, wo sich die entsprechenden Grundlagen noch mit annehmbarer Genauigkeit ermitteln lassen.
Einen weiteren in der Energiebilanz vernachlässigten Faktor bildet der Austausch von sogenannter grauer Energie mit dem Ausland, d. h. die für die Herstellung von eingeführten oder exportierten Gütern benötigte und in diesen damit enthaltene Energiemenge.»

Messprinzip

«Die Verwendung eines bestimmten Messprinzips für alle Energieträger ist eine Hilfskonstruktion, die in keinem Falle völlig zu befriedigen vermag, weil dabei immer bestimmte Aspekte vernachlässigt werden müssen.
Nach der in der Schweiz üblichen Praxis gehen alle Energieträger mit ihrem Wärmeinhalt in die Bilanz ein (Wärmeäquivalenzmethode). Dabei wird der sogenannte Heizwert (früher als unterer Heizwert bezeichnet) verwendet, der angibt, welche Wärmemenge bei vollständiger Verbrennung, aber ohne die Rückgewinnung der Kondensationswärme des Wasserdampfes, gewonnen werden kann. Die in einigen Ländern und auch von gewissen internationalen Organisationen verwendete Substitutionsmethode, bei der insbesondere die Elektrizität mit dem für ihre Erzeugung in konventionellthermischen Anlagen notwendigen Wärmeinhalt eingesetzt wird, ist in der Schweiz mit ihrem sehr kleinen Anteil an solchen Anlagen nicht sinnvoll und würde der Wasserkraft ein übermässiges Gewicht geben.»

Anmerkungen

  1. Angesprochen ist hier ein im Bulletin SEV veröffentlichter Artikel Wysslings. Vom gleichen Autor stammt eine grössere Untersuchung aus dem Jahr 1946 (siehe unter «Quellen»).
  2. Welt-Energie-Konferenz: Energieterminologie, 2. Auflage. London 1986.
  3. In der vorliegenden Publikation verwenden wir eine etwas erweiterte Definition des Begriffs «Energie», die beispielsweise auch die Megawattleistung der Wasserwerke mit einschliesst. 

Masseinheiten

TABELLEN EINFÜGEN


QUELLE: «Energie» in Ritzmann/Siegenthaler, Historische Statistik der Schweiz, Zürich: Chronos, 1996, 583-587

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